Bericht zur Lage der Welt 2007: Städte entscheiden über die Zukunft der Welt
Am 3. Mai.2007 präsentierten Germanwatch und die Heinrich-Böll-Stiftung die deutsche Ausgabe des „Berichts zur Lage der Welt 2007“ vor zahlreichen Besuchern und Journalisten in Berlin. Der Fokus des Berichts liegt auf dem globalen Trend zur Urbanisierung. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben mehr als die Hälfte aller Menschen in urbanen Siedlungsräumen. Das zu erwartende Wachstum der Weltbevölkerung um weitere zwei bis drei Milliarden Menschen bis 2030 werden vor allem die Städte der Entwicklungsländer auffangen. Damit sind große Risiken verbunden. Die Städte bedecken heute zwar nur zwei Prozent der Erdoberfläche, verbrauchen aber bereits 80 Prozent aller Ressourcen. Sie gehören zu den Hauptverursachern von Klimawandel und Umweltverschmutzung. Doch ihre Anziehungskraft ist besonders in Asien und Afrika ungebrochen. Bittere Armut, Perspektivlosigkeit und Stillstand treibt die Landbevölkerung fortwährend in die schnell wachsenden illegalen Elendsviertel am Rande der Städte.Bei allen Problemen birgt die Verstädterung jedoch auch Chancen, denn Städte sind die Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturzentren und damit potenzielle Innovationsmotoren zur Implementierung nachhaltiger Konzepte. Städte können Wege aufzeigen, globale Probleme lokal zu lösen. Europäische Städte können hierbei über Jahrhunderte gewonnene Erfahrungen und Kenntnisse an die schnell wachsenden Städte im Süden und Osten weitergeben. Aber auch Städte aus Lateinamerika, Afrika oder Asien haben für den Norden interessante und nachahmenswerte Konzepte. Aus diesem Grund werden in dem aktuellen Bericht des Worldwatch Institutes zahlreiche Lösungsansätze für Probleme in den Bereichen Partizipation, Umwelt, Energie, Armut, Wasser, Verkehr etc. aus aller Welt vorgestellt, die beispielhaft für andere Kommunen sein können. Also: Das Rad existiert bereits, man muss es nicht neu erfinden!
In der globalen Urbanisierung liegt ebenso eine Gestaltungsmöglichkeit der Globalisierung durch die Städte wie ihre wachsende Verantwortung dafür, dass Globalisierung gerecht und nachhaltig verläuft. Angesichts dessen warb Bärbel Dieckmann, Bonner Oberbürgermeisterin, Vorsitzende des Weltbürgermeisterrates zum Klimawandel sowie Exekutivpräsidentin des RGRE bei der Buchvorstellung für ein zeitgemäßes kommunalpolitisches Engagement nach dem Motto: „Local action, global interaction“. Das bedeutet, lokal nachhaltige Lösungen zu fördern, den interkommunalen Austausch auch global zu organisieren und den politischen Einfluss der Städte auf internationaler Ebene zu stärken. In einigen deutschen Kommunen werden diese Ansätze nachhaltigen und internationalen Handelns mit großem Engagement und Kreativität verfolgt – und durch Erfolg in der Sache und internationale Anerkennung belohnt.
Doch wie Gunther Hilliges und Ulrich Nitschke im deutschen Beitrag des Worldwatch-Berichts erläutern, gerät ein wichtiger kommunaler Innovationsmotor, der Prozess der Lokalen Agenda 21, ins stottern . In Deutschland haben sich diesem Prozess ohnehin nur 20,5 Prozent der Kommunen angeschlossen (in den Niederlanden, Großbritannien und Dänemark sind es über 80 Prozent). Zu oft liegen in den Kommunen Beteiligungs- und Entscheidungskompetenzen, Wissen und Handeln, Verwaltung und zivilgesellschaftliches Engagement weit auseinander. Das Ergebnis ist Frustration, Ermüdung und mancherorts ein Abbau der Agenda-Strukturen. Die Konsequenzen daraus können nur sein, dass Bürgerbeteiligung künftig weniger in Parallelstrukturen oder jenseits von Verwaltung und Politik stattfindet, sondern dass Möglichkeiten zur Implementierung neuer Ideen von vornherein berücksichtigt und dafür auch Gratifikationen wie Qualifizierung, Anerkennung und Ownership aller Stakeholder bei der Umsetzung vorgesehen werden. Die Möglichkeiten des Engagements in Handlungsfeldern wie Klima- und Umweltschutz, Bürgerbeteiligung, Bürgerhaushalt, Fairer Handel und Partnerschaften für die nachhaltige Entwicklung deutscher Kommunen sind noch lange nicht ausgeschöpft. Die Kommunen brauchen dafür immer wieder und erneut Mut zu Handeln. Mut, um „Globalisierung von unten“ mitzugestalten. Mut auch dazu, die eigene Rolle in den globalen Prozessen zu stärken und zu verbessern.
Ulrich Held
Bericht zur Lage der Welt 2007. Der Planet der Städte
Verlag Westfälisches Dampfboot
1. Auflage, Münster 2007, zahlreiche Tabellen und Abbildungen, 336 Seiten, Preis: € 19,90, ISBN 978-3-89691-653-2
www.dampfboot-verlag.de/buecher/653-2.html