Kommunen nehmen globale Verantwortung Ernst

Deutsche Städte und Gemeinden gründen entwicklungspolitische Partnerschaften


Andreas Baaden

Der Tsunami vom zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 hat eine unbeschreibliche Verwüstung hinterlassen. Auch sechs Monate nach der Katastrophe schockieren die Bilder von Trümmerlandschaften, den bis auf die Grundmauern zerstörten Häusern, hoch aufgetürmten Müllbergen, unter denen immer noch Zehntausende Opfer vermutet werden. Die Katastrophe hat vielen Menschen in den reichen Industrieländern die Augen dafür geöffnet, dass es keine Alternative zu einer langfristigen partnerschaftlichen Zusammenarbeit gibt, die auf dem Grundsatz nachhaltiger Entwicklung beruht. Hier spielt die kommunale Entwicklungszusammenarbeit eine entscheidende Rolle.

In den Katastrophengebieten ist der Aufbau vielerorts nur schleppend vorangekommen, und der Unmut unter den Überlebenden wächst. Die Folgeprobleme der Katastrophe werden überlagert von den Entwicklungsproblemen der betroffenen Länder: Krisen, Korruption und ethnische Konflikte treten wieder vermehrt in den Vordergrund. In mehreren vom Tsunami betroffenen Gebieten konnte erst Monate nach der Katastrophe mit dem Wiederaufbau begonnen werden, nachdem die Regierungen ihre Pläne aufgestellt hatten. Aufbauhelfer äußern hier durchaus Verständnis, schließlich ist es eine gewaltige Aufgabe, für ganze Provinzen Wiederaufbaupläne zu erstellen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte in seiner Neujahrsansprache Kommunen, Unternehmen, Schulen und Vereine dazu aufgerufen, Partnerschaften mit den betroffenen Regionen aufzubauen und langfristig den Wiederaufbau zu unterstützen. Die Partnerschaftsinitiative ist oft zu Unrecht ins falsche Licht gerückt worden, als Kritik am „schleppenden Mittelabfluss“ der deutschen Spendengelder zu vernehmen war. Denn: Wie sähe es aus, wenn vom Spendengeld kein Cent mehr übrig und ein Großteil der Hilfe wirkungslos versickert wäre? Der THW-Experte Wolfgang Gressmann erläuterte Anfang Juli bei einer Podiumsdiskussion in Lüneburg: „Der Druck der Spender, die von den Spendensammlern schnelle Ergebnisse sehen wollen, hat negative Konsequenzen. Vielerorts wurde die Chance auf vernünftige Siedlungsprojekte vertan.“ (Landeszeitung Lüneburg, 6.7.05)

Qualität geht vor Schnelligkeit – unter diesem Leitmotiv hat sich denn auch das Koordinierungsangebot an private Hilfeanbieter bewährt. Die Servicestelle-Partnerschaftsinitiative bei InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH in Bonn und die Partnerschaftsbüros an den Deutschen Botschaften in Indonesien, Thailand, Indien und Sri Lanka beraten mehr als 1.300 Hilfeanbieter. Über 500 konnten bereits vermittelt werden, weitere knapp 300 haben Projekte vorgeschlagen bekommen (Stand Anfang Juli 2005), berichtete die Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers für die Partnerschaftsinitiative, Christina Rau. Dabei sind oft mehrere deutsche Partner zu einem gemeinsamen Projekt zusammengeführt worden. Zumeist handelt es sich noch um Projektpartnerschaften für den Wiederaufbau, die jedoch eine langfristige Perspektive haben, in kommunale Partnerschaften überzugehen.

Besonders wichtig ist die Beteiligung entwicklungspolitisch erfahrener Hilfsorganisationen. Ein gutes Beispiel bietet die Partnerschaft der Stadt Bonn und der Deutschen Welthungerhilfe mit dem südostindischen Cuddalore. Die Städte Worms, Mainz und Alzey kooperieren mit dem Arbeiter Samariter Bund beim Aufbau einer Partnerschaft mit Dickwella, Sri Lanka.

Die Servicestelle-Partnerschaftsinitiative achtet in ihrer Beratungsarbeit besonders auf die folgenden Kriterien:
  • Die Projekte müssen sich am Bedarf der betroffenen Menschen orientieren.
  • Die Hilfe muss entwicklungspolitisch sinnvoll sein.
  • Sie muss mit den Behörden vor Ort abgestimmt werden.

Halver hilft Matara, Sri Lanka

Der Neubau von Wohnhäusern und die Erweiterung eines College sind die Schwerpunkte der Initiative "Halver hilft Matara", die von vielen Privatpersonen, Vereinen, Firmen und Schulen sowie der Stadt Halver in Nordrhein-Westfalen unterstützt wird. Der Bürgermeister von Halver hat die Schirmherrschaft übernommen. Partner vor Ort ist die Young Men Buddhist Association (Y.M.B.A.), eine gemeinnützige, staatlich anerkannte Organisation. Sie koordiniert und überwacht die Umsetzung des Projektes. Die Servicestelle-Partnerschaftsinitiative hat „Halver hilft Matara“ bei der Planung beraten und das Projekt aufgrund seiner Größe und Qualität auch anderen Kommunen zur Unterstützung vorgeschlagen.

Bislang haben die Halveraner 50.000 Euro Spendengelder zusammengebracht, davon fließen ca. 25.000 Euro in das Häuserprojekt. Das Neubaugrundstück bietet Platz für bis zu neun Häuser, die - soweit möglich - gemeinsam mit den künftigen Bewohnern, bedürftigen Familien aus Matara, gebaut und eingerichtet werden. Mit weiteren Spendengeldern ist geplant, das nahe gelegene Matara Central College zu erweitern, das viele „Tsunami-Kinder“ aufgenommen hat daher dringend zusätzliche Klassenräume und Schulmaterial benötigt. Zahlreiche Schulen aus Halver und Umgebung unterstützen dieses Vorhaben und wollen künftig auch Schulpartnerschaften mit Matara eingehen.

Informationen: >> www.halver-matara.de

Fischerdorf hilft Fischerdorf

Im Küstenort Weligama, im südlichsten Teil Sri Lankas, hat der Tsunami eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Noch immer müssen zahlreiche Menschen in engen Notunterkünften leben. Die Fischer haben neben ihren Häusern auch Boote und Netze und damit ihre Lebensgrundlagen verloren.

Unter dem Motto „Fischerdorf hilft Fischerdorf“ unterstützt Fedderwardersiel in der niedersächsichen Wesermarsch Weligama mit einer Spende von 11.000 Euro. Das Geld geht an die Jayawickreme Foundation, die damit dringend benötigte Boote mit Außenbordmotor und Zubehör bereitstellt. Für etwa 3.500 Euro gibt es ein komplettes Boot mit Ausrüstung, von dem jeweils drei Fischerfamilien profitieren sollen.

Die Jayawickreme Foundation ist seit 2001 als gemeinnützige, unabhängige Hilfsorganisation in Sri Lanka aktiv. Sie führt Bildungsprojekte durch, baut Häuser für Bedürftige und unterstützt kleine Handwerksbetriebe. Aktuell versorgt die Stiftung 2.200 Menschen in sechs Flüchtlingscamps und startet neben dem Fischerboot-Projekt auch ein langfristiges Häuser-Projekt. „Unsere Projekte leisten Hilfe zur Selbsthilfe, damit die Menschen aus ihrer Armut herauskommen und nicht von fremder Hilfe abhängig werden“, betont Susanne Loos-Jayawickreme, die stellvertretende Vorsitzende.

Die Servicestelle-Partnerschaftsinitiative hat die Vorhaben der Stiftung auch weiteren Spendern zur Unterstützung empfohlen.

Informationen: >> www.jayawickreme.org


Pionierarbeit für den Ausbau der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit

Deutschlands Städte und Gemeinden haben sich in beeindruckender Weise an der Partnerschaftsinitiative zum Wiederaufbau in den Tsunamigebieten beteiligt. Und sie sind weiterhin bereit, zum Teil monatelange Vorbereitungszeiten in Kauf zu nehmen, um schließlich einen geeigneten Partner in den nach wie vor verwüsteten Regionen zu finden. „Die internationale Entwicklungszusammenarbeit entdeckt die Kommunen als zentrale Partner für nachhaltige Entwicklung. Hier vor Ort werden Lösungsmöglichkeiten für soziale, ökologische und wirtschaftliche Probleme angepackt und ausgetestet. Darum brauchen wir die Kommunen im internationalen Erfahrungsaustausch - sie bringen sich langfristig ein!“, so Ulrich Nitschke, Leiter der Servicestelle-Partnerschaftsinitiative.

Sechs Monate nach der Katastrophe sind bereits 171 kommunale Partnerschaften vermittelt worden. Weitere 173 Projektvorschläge der Kommunen befinden sich noch in der Phase der Vermittlung. Die Pionierarbeit dieser Kommunen - und insbesondere auch ihre Erfahrungen in der nicht immer reibungslosen Kooperation von Kommunen, Regierungen, Distriktverwaltungen und Nichtregierungsorganisationen - werden in den kommenden Jahren wichtige Grundlagen liefern für den Ausbau der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit. Neben staatlicher und nichtstaatlicher EZ bildet sie eine sinnvolle Ergänzung, gerade weil sie die Menschen hier und dort direkt erreicht und beteiligt. InWEnt wird den Erfahrungsaustausch weiter intensivieren und sich für kommunale Partnerschaften einsetzen, nicht nur mit den vom Tsunami betroffenen Gebieten, sondern mit allen Regionen des Südens.

Die Welle der Hilfsbereitschaft nach dem Tsunami muss genutzt werden, um der kommunalen Nord-Süd-Kooperation zu einem dauerhaften Aufschwung zu verhelfen. Ohne dieses Standbein der Entwicklungszusammenarbeit können die acht Millenniumsziele der Vereinten Nationen kaum erreicht werden. Die Staats- und Regierungschefs haben im Jahr 2000 in der Millenniumserklärung das Ziel beschlossen, bis 2015 die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen weltweit mindestens zu halbieren, Bildungs- und Gesundheitsdienste entscheidend zu verbessern, die Gleichberechtigung der Geschlechter voranzubringen, für eine Versorgung mit sauberem Trinkwasser einzutreten und eine weltweite Entwicklungspartnerschaft in Gang zu setzen.

Die Weltunion der Kommunen hat am 10. Juni 2005 in Peking eine Deklaration mit dem Titel „Wir bringen die Millenniumsentwicklungsziele zurück nach Hause“ verabschiedet, in der die Ziele der Vereinten Nationen ausdrücklich unterstützt werden. Die kommunale Selbstverwaltung soll durch eine verbesserte Bürgerbeteiligung und effektive Partnerschaften mit lokalen Gruppen und dem privaten Sektor gestärkt werden. (www.rgre.de)

Wenn die Bevölkerung in Europa dahintersteht, ist auch das beim Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs im Juni 2005 in Brüssel vereinbarte Ziel erreichbar, bis 2015 die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Und am 11. Juni 2005 haben die G7-Finanzminister beschlossen, 18 der ärmsten hochverschuldeten Länder weiter zu entschulden. 0,7 Prozent, Schuldenerlass, Partnerschaftsinitiative – drei gute Nachrichten auf dem langen Weg zur Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele!


Andreas Baaden ist Projektleiter in der Stabsstelle Unternehmenskommunikation der InWEnt – Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH in Bonn.

( Der Beitrag wurde auch veröffentlicht in: Stadt und Gemeinde, Ausgabe 09/2005, Thema des Monats: Kommunen international.
Weitere Informationen unter: www.stadt-und-gemeinde.de)

Claudia Gruszinkat, 29. Apr 2006 10:55